Fensterbank-Kultur

 

 

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ier erfahrt Ihr grundsätzliche Dinge über die Kultur von Orchideen auf der Fensterbank und überhaupt. Es kann aber durchaus sein, daß die eine oder andere Hybridensorte spezielle oder abweichende Ansprüche stellt. Das ist dann in der Beschreibung der jeweiligen Sorte  näher erläutert.

 

 

 

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95% der Orchideen, die die Hausfrau auf der bundesdeutschen Fensterbank pflegt, werden ersäuft. Obschon auch  diese Orchideen-Hybriden ihr Erbe als Urwald-Epiphyten nicht verleugnen können, mögen die meisten jedoch keine „nassen Füße“. Der Pflanzstoff (Substrat) muß zwischen den Wassergaben antrocknen (nicht austrocknen!). Staunässe etwa im Übertopf wird mit Wurzelfäule quittiert. Andererseits führt zu sparsames Wässern ebenfalls zum Tod der Pflanze. Orchideen werden – wie in der Natur auch – durchdringend gewässert. Das gesamte Substrat muß dabei benetzt werden. Nach dem Wässern (nach dem Regen!)  tropft der ganze Wurzelballen leer, d.h. bei Topfkultur muß überschüssiges Wasser ablaufen. Erst dann kommt die Pflanze wieder in den Übertopf.

 

Wann es Zeit ist für die nächste Wassergabe, kann man entweder am Gewicht des Topfes abschätzen; ein Gefühl dafür stellt sich bald von selbst ein. Eine andere Möglichkeit ist die Verwendung von Holzstäben, wie sie zum Hochbinden von Blüten benutzt werden. Man steckt ein trockenes Stäbchen ins Substrat und zieht es wieder heraus. Ist seine Oberfläche gerade nur feucht, ist es Zeit zum Wässern. Tauchen (bis zum Topfrand, damit das Substrat nicht wegschwimmt!) ist übrigens besser als Gießen.

 

 

 

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Die meisten Orchideen haben sehr salzempfindliche Wurzeln. Durch unvorsichtiges Düngen kann hier Schaden angerichtet werden, der zum Verlust des gesamten Wurzelwerks und damit zum Tod der Pflanze führt. Dabei spielt die Art des Düngers keine Rolle; die Verwendung von speziellen Orchideendüngern ist hier eine reine Frage des Geldbeutels. Jeder Volldünger für Zimmerpflanzen ist verwendbar. Entscheidend ist allein die Salzkonzentration im Gießwasser. Orchideendünger kann nach Vorschrift verwendet werden, anderer Volldünger höchstens bis zur Hälfte der angegebenen Konzentration. Bei Verwendung von sehr hartem Leitungswasser (beim Versorger nachfragen!) muß die Düngerkonzentration weiter reduziert werden.

 

Volldünger ist stickstofflastig. Das fördert das Wachstum und die allgemeine Entwicklung. Hat eine Orchidee längere Zeit (2 Jahre oder so) nicht geblüht, hilft oft die Verwendung von kalium-phosphorlastigen Düngern.

 

Von Düngern, für die keine Zusammensetzung angegeben ist, sollte man die Finger lassen.

 

 

 

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Das Leben fast aller Orchideen verläuft zyklisch. Sie haben Wachstums- und Blühphasen, und oftmals gibt es vor oder nach der Blüte eine deutliche Vegetationspause – die Pflanze „rührt sich nicht“. Das hat mit den klimatischen Bedingungen in den Ursprungsregionen zu tun. Dort gibt es meist ausgesprochene Regenzeiten, wie etwa den Monsun, die dann wieder von trockeneren Monaten abgelöst werden. Da die Pflanzen, um die es hier geht, Kreuzungen sind, ist ihre Vorliebe in dieser Hinsicht nicht immer vorhersehbar. Nach einer Weile (2 bis 3 Jahre) ist sie aber klar erkennbar.

 

Man muß die Pflanze nur beobachten. Wächst sie, macht sie Laub oder einen Blütentrieb, braucht sie auch mehr Wasser und „Power“ in Form von Dünger. Während der Blüte werden Wasser und Dünger reduziert, und wenn die Pflanze einige Wochen erkennbar nichts „macht“, ist buchstäblich Ruhe im Topf. Dann braucht sie keinen Dünger (und nur wenig Wasser, da muß man aber bei Zimmerkultur vorsichtig sein, hier lieber „normal“ als zuwenig wässern!). Während der Wachstumsphase wird alle 4 Wochen gedüngt – und zwar vorsichtig!

 

 

 

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Alle Pflanzen brauchen Licht für die Assimilation. Orchideen kriegen das bei minimalem Angebot hervorragend hin. Es ist so, als ob ein fetter Offroader mit 2 Tonnen Gewicht bei einem Verbrauch von 2 Litern Rapsöl eine Leistung von 200 PS auf die Straße brächte. Dennoch sind die besten Plätze auf der Fensterbank ganz vorne – am Glas. Doch hier droht Lichtschaden und Sonnenbrand. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist jedoch rasch erklärt.

 

Orchideen (und andere Pflanzen) in freier Natur sind stets von Licht „umspielt“, es trifft sie je nach Tageszeit aus unterschiedlichen Richtungen und in unterschiedlicher Intensität. Insbesondere dann, wenn sich im Wind wiegende Farnwedel oder belaubte Baumzweige ein Wechselspiel von Licht und Schatten erzeugen. Bei Zimmerkultur hingegen erhalten die Pflanzen Licht stets von derselben Seite und niemals von oben. Das Fenster ist wie ein totes Astloch eines hohlen Baumes, in dessen Grund Pflanzen gedeihen sollen – das wied nie was. Die verfügbare Lichtmenge (die Strahlungsdichte) nimmt mit dem Quadrat der Entfernung zur Lichtquelle ab – das gilt auch für unsere Fenster. Dabei nehmen Pflanzen Licht anders wahr als wir Menschen – während wir in drei Meter Entfernung vom Fenster noch bequem die Zeitung lesen können, reicht die dort verfügbare Lichtmenge auch bei Orchideen für keinerlei Assimilation mehr aus.

 

Also müssen auch die schattenliebenden Orchideen nahe ran ans Fenster. Demnach kommen ohne weitere Maßnahmen eigentlich nur Ost- oder Nordfenster in Frage, wenigstens in der hellen Jahreszeit. Denn fast alle Orchideen müssen vor länger andauernder direkter Sonneneinwirkung geschützt werden. Dies ist bei Nordfenstern nicht erforderlich, bei Ostfenstern nur dann, wenn die Sonne während der hellen Jahreszeit bereits am Vormittag intensiv und schattenlos einfällt. Süd- und Westfenster sind problematisch, hier ist Sonnenschutz erforderlich, der jedoch ausreichendes Licht gewährleistet. Hier muß man eventuell etwas experimentieren.

 

Ich kultiviere Orchideen auch im Südfenster, das ich von Mai bis September komplett mit schwarzer Fliegengaze bespanne, das hat sich bei mir sehr bewährt. Jedenfalls hatten meine Pflanzen stets ausreichend Licht und noch niemals einen Sonnenbrand. Schwarze Fliegengaze ist übrigens ein Zugeständnis an menschliche Vorlieben: Während weiße Gaze das einfallende Sonnenlicht noch besser und diffuser streut, hat genau dieser Effekt zur Folge, daß man nicht mehr hinaussehen kann – man sieht nur eine leuchtende weiße Fläche. Schwarze Gaze hingegen nimmt man kaum wahr.

 

 

 

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ärme und Luftfeuchtigkeit

Diese beiden Begriffe stehen nicht ohne Grund gemeinsam in der Überschrift; denn sie hängen physikalisch untrennbar zusammen.  Die Luft kann eine bestimmte Menge Wasser in Form von Wasserdampf (dieser Ausdruck ist hier nicht ganz richtig) aufnehmen. Diese Menge ist abhängig von der Temperatur der Luft. Warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen als kalte. Bei gleichem Wassergehalt ist warme Luft also trockener als kalte. Wenn feuchte, warme Luft abkühlt, steigt der sog. Dampfdruck. Erreicht dieser eine kritische Grenze, kann die Luft "das Wasser nicht mehr halten", dieses fällt dann in Form von Kondensat (Nebel) aus.  Deshalb sind z.B. im Badezimmer nach dem Duschen im Winter kühle Flächen wie Fenster und Spiegel beschlagen; hier schlägt sich das ausgefallene (kondensierte) Wasser nieder. Übrigens sind dann auch kühle Außenwände beschlagen, meist sieht man das aber nicht.

 

Die meisten Orchideen benötigen eine ziemlich hohe Luftfeuchtigkeit. Sie wollen ständig von Luft umgeben sein, die einen gewissen Dampfdruck hat. Sie sind darauf angewiesen, daß sich Laub und Luftwurzeln bei abendlicher Abkühlung an regenlosen Tagen durch kondensiertes Wasser benetzen. Der Dampfdruck ist in diesen Weltgegenden oft so hoch, daß Abkühlung um 1°C ausreicht, alles pitschenaß zu machen.

 

Gleichzeitig ist es in diesen Weltgegenden deutlich wärmer als beispielsweise bei uns in Westeuropa, vor allem in unserer kalten Jahreszeit. Während dort auch im "Winter" die Luft mit ausreichend Feuchtigkeit befrachtet ist, müssen wir in unseren Wohnungen dann kräftig zuheizen - ohne jedoch der aufgeheizten Luft eine adäquate Menge Wasser hinzuzufügen. Die Folge ist eine furztrockene "Zentralheizungsluft", die im Extremfall sogar bei uns Menschen zu Krankheit führen kann - für Orchideen ist sie tödlich.

 

Hier haben wir ein echtes Dilemma, das besonders bei Zimmerkultur im Winter für Probleme sorgt. Um es vorweg zu nehmen: Einen Ausweg gibt es nicht. Selbst wenn es möglich wäre, die erwähnte "adäquate Menge" Wasser hinzuzufügen, hätten wir mit ernsten Folgeproblemen zu rechnen. Die Feuchtigkeit, die wir unseren Lieblingen zugedacht haben, wird sich an allen kühleren Stellen niederschlagen und dort auf Dauer (ein paar Wochen reichen manchmal schon aus) zu Schimmelbildung führen. Wir wollen aber Orchideen kultiviren, keine Pilze.

 

Ich kann Euch sagen: Es gibt nichts, das durstiger ist als trockene Heizungsluft. Mit Wasser gefüllte Tonröhren an der Heizung bringen genau so wenig Erfolg wie Wasserschalen zwischen den Pflanzen auf der Fensterbank. In meinen beiden Orchideenfenstern werfen Nebelwerfer während der Heizperiode jeden Tag jeweils 5 Liter Wasser in die Luft, und es ist auf dem Hygrometer kaum meßbar.

 

Eine sinnvolle Maßnahme wäre eine Wanne von Fensterbrettgröße, die wenigstens 20 cm hoch sein sollte. Diese füllt man etwa 3 cm hoch mit Blähton und sorgt dafür, daß immer etwa 2 cm Wasser darin stehen. Auf einem Gitterrrost über dem Blähton arrangiert man die Orchideen. Die riesige Oberfläche des feuchten Blähtons sorgt dann für ein halbwegs erträgliches Mikroklima im Blumenfenster - leider aber auch für unerwünschten Algen- und sonstigen Wuchs im unteren Bereich der Wanne - das bedeutet zusätzlichen "Pflege"-Aufwand.

 

Die frühabendliche Benetzung durch Kondensat kann durch Übersprühen nachgeahmt werden. Das wird dankbar angenommen.

 

Schließlich bedarf noch ein weiterer Punkt der Beachtung: Während feuchte, kalte Luft, wie erwähnt, Schimmelbildung fördert, sorgt stehende, feuchtwarme Luft für Fäulnis - eine große Gefahr für unsere Lieblinge. Hier treibt unser Dilemma endgültig Blüten: Wir müssen für Luftbewegung sorgen, sonst beginnt es zu faulen. Ist die Luftbewegung zu heftig, zerstört sie das gewünschte Mikroklima. Dennoch benötigen Orchideen Frischluft - in stickiger, gespannter Atmosphäre gehen sie ein.

 

So, dieser Abschnitt ist nun tatsächlich der längste geworden. Die Wechselwirkungen zwischen Temperatur, Luftfeuchte und Luftbewegung in einem Orchideenfenster im Winter sind aber auch sehr komplex. Jedoch führt auch hier ein Mindestmaß an Verständnis der Zusammenhänge zum Erfolg; schließlich sind die Pflanzen des Baumarkspektrums ziemlich robust und längst nicht so zickig wie so manche Wildform. Dieses Verständnis will ich hier fördern, nicht jedoch den Pessimismus.

 

Alle Orchideen des Baumarktspektrums werden temperiert kultiviert. Das bedeutet etwa 18 - 22°C im Winter, 20 - 35°C im Sommer. Kurzzeitiges Unter- oder Überschreiten für eine oder zwei Wochen wird vertragen. Absolute Schmerzgrenze im Winter ist meist 15°C.